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Stimmungsbild Lebensversicherung: Zwischen Aufwind und Transformationsdruck

Geht man nach dem aktuellen Meinungsbild der Lebensversicherer in unserer neuen Überschuss- und Garantiestudie 2026, sendet die Branche positive, aber keine euphorischen Signale. Auf einer Skala von -2 bis +2 bewerten die Anbieter ihre aktuelle Geschäftslage insgesamt mit +0,33 im positiven Bereich. Auch die Erwartungen für 2026 liegen mit +0,26 über Null, allerdings etwas niedriger als die Einschätzungen der aktuellen Lage. Wir erkennen darin eine realistische Einschätzung der Marktverfassung. Die Branche hat sich stabilisiert, rechnet aber nicht mit einem breiten, dynamischen Aufschwung. Die entscheidende Entwicklung spielt sich ohnehin nicht auf der Ebene des Gesamturteils ab, sondern in den einzelnen Produktsegmenten. Hier zeigen sich wesentliche Unterschiede.

Fondspolicen ohne Garantie sind mit Abstand das Segment mit den stärksten Wachstumsimpulsen. Sie erreichen sowohl bei der Geschäftslage (+1,22) als auch bei den Erwartungen (+1,30) die höchsten Werte. Auch hybride fondsgebundene Produkte mit Garantie haben klar positive Vorzeichen (+0,56 / +0,67), liegen aber hinter den garantiefreien Varianten. Darin drückt sich ein verändertes Kunden- und Marktverständnis aus: Garantien bleiben relevant, aber nicht mehr um jeden Preis und nicht mehr als dominierende Leitidee. Stattdessen ist mehr Kapitalmarktbeteiligung gefragt.

Auf der anderen Seite wird der Druck auf klassische Garantiekonzepte deutlich. Die klassische kapitalbildende Lebensversicherung ist mit -1,15 (Lage) und -1,07 (Erwartung) das schwächste Segment der Umfrage. Auch die Neue Klassik tendiert ins Negative (-0,37 / -0,30), wenn auch deutlich weniger. Bemerkenswert ist die mittlerweile skeptische Einordnung der Indexpolicen (-0,85 / -0,81).

Neben den fondsgebundenen Lösungen stechen in der Studie vor allem zwei Segmente positiv hervor: Die betriebliche Altersversorgung (bAV) und die Berufsunfähigkeitsversicherung (BU-Versicherung). Die bAV gehört aus Sicht der befragten Unternehmen zu den stärksten Geschäftsfeldern. Die aktuelle Lage wird bereits mit +0,59 positiv eingeschätzt, die Erwartungen steigen sogar auf +0,85. Dazu dürfte auch das zweite Betriebsrentenstärkungsgesetz (BRSG II) beigetragen haben, das im Dezember 2025 vom Bundestag beschlossen wurde. Gleichzeitig spricht vieles dafür, dass die positive Perspektive der bAV nicht nur politisch getragen ist: Sie profitiert strukturell von ihrem Stellenwert in der Arbeitgeberbindung, von kollektivfähigen Lösungen und von ihrer Skalierbarkeit im Vertrieb. Auch die BU-Versicherung bestätigt mit +0,59 / +0,59 ihre Rolle als stabile Säule des Neugeschäfts. Dies ist ein solides Ergebnis und zielt auf die Kernkompetenz der Lebensversicherer. Dort, wo die Branche ihre Risikoexpertise, Underwriting-Kompetenz und Kollektivmechanik einbringt, kann sie ihre Stärken ausspielen. Dies gilt auch für die Risikolebens- und Grundfähigkeitsversicherung, wobei die Einschätzungen hier nur moderat positiv ausfallen.

Insgesamt sind die Umfrageergebnisse kein kurzfristiger Ausschlag, sondern Ausdruck einer strukturellen Verschiebung des Marktes. Gleichzeitig erfährt die geförderte private Altersvorsorge, die Anfang 2027 an den Start gehen soll, eine grundlegende politische Neuausrichtung. Dies erhöht den Transformationsdruck und wird direkte Auswirkungen auf die Produktgestaltung, Garantiekonzepte und die strategische Bedeutung der Überschussbeteiligung haben. Die Wettbewerbsfähigkeit der Branche wird künftig stark davon abhängen, ob es ihr gelingt, das Versicherungsmodell auch in einer veränderten Vorsorgelogik überzeugend zu verorten und sich gegenüber Banken, Fondsanbietern und digitalen Plattformen zu behaupten. 2026 ist deshalb auch ein Jahr der strategischen Positionierung. Entscheidend wird sein, wie konsequent die Lebensversicherer ihr Leistungsversprechen und ihre Kundenkommunikation an die veränderten Marktbedingungen anpassen.

Autor: Lars Heermann, Bereichsleiter Assekurata Rating-Agentur GmbH

 

 

 

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